Spinnen sind keine Insekten.
Spinnen für Insekten zu halten – diesen Fehler begehen viele Menschen.
Spinnen sind in erster Linie mit den Pfeilschwanzkrebsen und den Skorpionen verwandt. Erst die weitläufigere Verwandtschaft in der Klasse der Gliederfüßer verbindet die Spinnen mit den Insekten.
Dabei sind Spinne sehr leicht von den Insekten zu unterscheiden: Insekten haben maximal sechs Beine. Spinnen aber haben acht Beine.
Wir haben acht Beine.
Ich habe acht Beine.
Ich lebe seit dem Ende des letzten Sommers hier.
Und im Grunde ist mein Wohnort von der Qualität, wie ich es mag. Ich habe meine Bleibe direkt unter einem der dunklen Panelen gefunden, die die Decke des hohen Raumes durchkreuzen. Sie sind so alt wie das Haus und das Haus ist ein Fachwerkbau.
Warum ich das weiß, obwohl ich eine Spinne bin?
Nun, ich weiß es eben. Weil ich eine Spinne bin. Eine Tegenaria atrica, eine Winkelspinne.
Das alte Holz zieht viele Insekten an. Jetzt im Frühsommer fliegen sie durch die Oberlichte des Fensters, besonders am Abend, wenn im Zimmer Licht brennt und wegen der lauen Luft draußen niemand daran denkt, die Fenster zu schließen.
Daher mag ich den Frühsommer – und dabei ist es mein erster. Nicht nur hier in diesem Haus, in das mich der Wind letzten Herbst durch eben dieses Fenster hereingeweht hat, als ich noch eine winzige, gerade geschlüpfte Jungspinne war, die an ihrem Faden durch die Luft schwebte, wie ein Paraglider. (Nein, bitte fragen Sie jetzt nicht, warum ich weiß, was ein Paraglider ist.) Die Menschen nennen diese Tage im Herbst, wenn wir Frischlinge durch die Luft segeln übrigens Altweibersommer. Da unsere Spinnfäden an die langen weißen Haare alter Frauen erinnern.
Ich habe noch keine alte Menschenfrau mit langen weißen Haaren gesehen.
Aber ich habe eine alte Menschenfrau gesehen, die orangerote kurze Haare, die farblich an die Körperfärbung von Fruchtfliegen, Drosophila melanogaster erinnern, hat
Fruchtfliegen gehörten bisher zu meinen Hauptbeutetieren.
Wobei, erlauben Sie mir die Bemerkung: wir Spinnen sind Beutegreifer. Wie Leoparden, Fischotter, Karpfen und Maulwürfe. Raubtier ist ein etwas überalterter Ausdruck, denn schließlich rauben wir ja nichts.
Fruchtfliegen sind bis vor Kurzem eine meiner Hauptnahrungsquellen gewesen. Sie hielten sich bevorzugt auf dem Obst auf, das farblich ansprechend (Ja, wir können Farben sehen!) drapiert in der Glasschüssel auf der Anrichte schräg unter meinem Dachbalken lag. Immer wieder stiegen sie in Schwärmen zu mir auf und verfingen sich zu Hauf in meinen Netzfäden, worauf ich mich veranlaßt sah, mehrere von ihnen einzusammeln und in meinen Trichter zu befördern, wo ich sie dann zerbiß und verzehrte. (Nicht alle Spinnen bevorzugen Flüssignahrung.) Weiters erfreute ich mich immer wieder an den Gelsen und Stechmücken, die nun im Frühsommer Abends durch die Oberlichte dem Geruch der Menschen folgen. Oder ich delektierte mich an der einen oder anderen Florfliege oder einer Schnake.
(Letztere ist übrigens keine Spinne, auch wenn viele sie dafür halten, und ebenso wenig eine Stechmücke, und doch müssen sie des Irrglaubens der Menschen wegen, sie seien welche, oftmals ihr Leben lassen, noch bevor ich es ihnen nehmen kann. )
Warum ich in der Vergangenheitsform erzähle, wenn es um meine Nahrung geht?
Nun, weil es Vergangenheit ist.
Und das hat mit der älteren Menschenfrau mit den drosophilafarbenen Haaren zu tun.
Sie nistete sich hier in den Räumen unter dem Dach, unter meinem Dachbalken ein, als vor einigen Wochen Regen eine mehrtägige Abkühlung und mir einen Mangel an Insekten einbrachte. Seit dem lebt sie hier unter dem Dach, schläft unter dem Dach und redet unter dem Dach mit einer etwas lauten Stimme, die meine Netzfäden erzittern lässt, mit den anderen Menschen, die bisher kaum Anteil an dem nahmen, was sich über ihnen im Raum tat.
(Menschen interessieren sich in der Regel nur für die durchschnittlich 175 cm Raumhöhe, die sie einnehmen, wogegen ich mich für die zwei Meter darüber interessiere, aber die 175 cm darunter nie unbeobachtet lasse.) Offenbar redete sie zu laut mit den anderen Menschen, denn ich sah diese seit dem nicht wieder.
Eine der ersten Handlungen, die die Frau mit den Drosophilahaaren setzte, war, eine netzartige Kuppel über die Obstschüssel zu stülpen. (Wobei „Netz“ in diesem Zusammenhang eine Beleidigung für eine jede Vertreterin meiner Gattung ist.)
Die Fruchtfliegen, ihrer Lebensbasis beraubt, starben binnen Stunden des Hungers, weit außerhalb meines Jagdgebietes, was ich bedenklich fand.
Kurz danach wurde ein gazeartiges Gewebe außen vor den Fenstern aufgespannt, so daß das abendliche Eindringen meines zweiten Nahrungslieferanten verhindert wurde.
Und dann kamen die Leiter, und die Spraydose, und die alte Menschenfrau, die auf die Leiter stieg.
Wie gesagt, Spinnen sind keine Insekten.
Und trotzdem sterben Spinnen, wenn sie mit Insektenspray eingesprüht werden.
Bis dato habe ich nicht nachvollziehen können, ob dies Absicht ist oder nur eine dumme Nebenerscheinung. Aber es ändert nichts daran.
Ich sah wie die alte Frau auf die Leiter stieg und sich umsah. Dann sah ich, was sie sah.
Zwischen einem Kasten und der Ecke einer Wand hatte eine Kreuzspinne ein Radnetz gewoben, erst zwei Nächte zuvor, und darin auf Fliegen gelauert.
Die Frau auf der Leiter sprühte das Insektizid auf sie, circa zwei Minuten lang.
Zunächst passierte nichts.
Dann fiel die Spinne zu Boden.
Ich habe gute Augen, acht an der Zahl – einfach zu merken, es ist die gleiche Anzahl wie Beine – und sah alles.
Die Kreuzspinne hatte das Gift durch ihre Tracheen aufgenommen und durch das Blut wurde es in den Körper transportiert, in das Gehirn, in die Ganglien.
Spinnen fühlen Schmerz.
Diese Kreuzspinne fühlte ihn, während ihre Gliedmassen krampfartig zuckten, sich zum Körper bogen, die Kieferscheren zuckend schnappten.
Das dauerte ebenso lange wie die Frau brauchte, um von der Leiter herunter zu steigen, eine Zeitung von der Anrichte mit der Obstschüssel zu nehmen, dies zu falten, sich vor die sterbenden Kreuzspinne auf den Boden zu hocken, auszuholen und mit der Zeitung auf den Körper der Spinne zu schlagen.
Ich habe keine Ohren, aber ich nehme Schall durch die Borstenhaare auf meine Gliedmassen wahr. Daher wußte ich, dass es einklatschendes Geräusch ergab, als der Körper der Kreuzspinne zerdrückt wurde.
Dann hob die Frau die Zeitung und betrachtete die bräunlich-beige, körnige Masse, die auf dem Papier klebte.
Ich habe keine Gefühle. Aber ich fand nicht gut, was hier passiert war.
Der Vorgang wiederholte sich noch zwei Mal an zwei anderen Stellen des Zimmers.
Dann faltete die Frau die Leiter zusammen, lehnte sie in eine Ecke und verließ den Raum.
Ich wartete.
Und hatte Hunger.
In der Nacht danach hatte eine andere Radnetzspinne ihr Netz aufgespannt.
Sie starb am nächsten Morgen ebenso wie die anderen zuvor.
Ich wartete
Und hatte noch mehr Hunger.
Am nächsten Tag verendete eine Wespe, ein Weberknecht und drei Schmeißfliegen, die in das Zimmer geflogen kamen, während die alte Frau eine Decke am offenen Fenster ausschüttelte. Leider konnte ich keine der Kreaturen zuvor unter meinem Dachbalken begrüßen.
Ich wartete wieder.
Mein Hunger nahm zu.
Am vierten Tag starben die anderen beiden Winkelspinnen.
Nun war nur mehr ich übrig.
Am fünften Tag sah die alte Menschenfrau meinen Trichter.
Sie holte die Leiter, stellte sie auf, nahm die Dose und begab sich zu meinen Dachbalken hinauf.
Ich wartete.
Und beobachtete, wie sie das Gift in meinen Trichter sprühte. Dann sprang ich.
Ich bin schnell, wenn ich springe und ebenso schnell spult sich der Spinnfaden aus meiner Drüse am Hinterleib ab.
Ich landete direkt am Nacken unter den drosophilafarbenen Haaren der alten Menschfrau und biß sie.
Mein Biß ist nicht giftig. Aber man spürt ihn.
Sie spürte ihn.
Und riß die Arme nach hinten, mich zu erschlagen, doch ich war schon wieder oben am Balken, wo ich mich zuvor versteckt hatte.
Dort sah ich, wie sie das Gleichgewicht verlor.
Und taumelte.
Und von der Leiter fiel.
Sie schlug am Boden auf und da ich nicht in meinem Netz war, konnte ich nicht fühlen, ob es ein Geräusch machte, als sie aufschlug.
Es war schwül in den nächsten Tagen, doch der Gazestoff vor dem Fenster verhinderte, dass Insekten hereinkamen.
Doch ich mußte nicht hungern.
Sacrophagidae oder Fleischfliegen finden immer einen Weg, wenn sie zu verwesenden Körpern wollen. Und ab und zu verirrt sich eine von ihnen zu mir herauf.
Und ich fange sie in meinem Trichternetz und fresse sie.
Ich bin eine Spinne.
Freitag, 9. März 2007
VER-HALTEN
„Und was kommt als nächstes?“ fragte sie, als sie das Lokal verließen. Eigentlich war sie müde, eigentlich wollte sie nach hause. Eigentlich war der Typ nicht das, was – ja was eigentlich?
Sie hatte den ganzen Abend lang nachgedacht, was ihr an ihm nicht gefiel, es aber nicht wirklich zu benennen vermocht, was leisen, unterschwelligen Ärger in ihr entstehen ließ, natürlich über sich selbst, weil sie zumindest von sich selbst Klarheit erwartete.
Im Grunde wirkte er attraktiv, nicht so sehr optisch, aber darauf kam es ihr – mit Ausnahmen – nicht an. Er war etwas jünger als sie, seine Sprechweise war dialektfrei, sein Humor ausreichend schwarz durchzogen, sein Intellekt ansprechend. Und doch… Im Grunde hatte sie den ganzen Abend lang überlegt, wie sie das Gespräch verkürzen, das Date vorzeitig beenden konnte, aber sie war keine gute Lügnerin und da sie ja keinen greifbaren Grund benennen konnte, nicht im Stande, direkt zu sagen, dass sie eigentlich augenblicklich gehen wollte.
Diese Unfähigkeit trug dazu bei, dass sie sich noch mehr über sich ärgerte.
Sie lachte wenig an diesem Abend, aber da ihm der Vergleich fehlte, fiel es ihm nicht auf.
Ganz im Gegenteil – sie hatte den Eindruck, dass er durchaus Gefallen an ihr fand. Es war seine Art, sie anzusehen, es waren die kleinen Bemerkungen – anerkennend, auf das von ihr Gesagte eingehend –, wie oft er sie beim Vornamen nannte. Seine Art, den Körper zu straffen, die Hände auf der Tischfläche zwischen ihnen immer wieder „in ihre Hälfte wandern lassend. Sie kannte all die Verhaltensweisen, hatte sie immer wieder beobachtet, hie und da nur so zum Test bewußt und gewollt bei ihrem Gegenüber hervorgerufen. Es war so vorhersehbar. Doch diesmal hatte sie jede nonverbale „Antwort“ vermieden.
Und jetzt diese Frage von ihr. „Und was kommt als nächstes?“, als ob sie sich „etwas nächstes“ wünschen würde, denn im Grunde wollte sie nach Hause.
Er zuckte mit den Schultern und schaute in den grauen Nachthimmel, als ob er von dort eine Idee hernehmen könnte.
Und warum fragte sie ihn eigentlich? Um sich von seiner Entscheidung abhängig zu machen? Du Mann, ich Frau und daher folge ich Dir. Sein zuvorkommendes Verhalten im Lokal, als er für sie dem Kellner ihre Bestellung ansagte, die Weinauswahl übernahm, ihr schließlich in den Mantel half, hatte sie gestört, aber sie hatte es hingenommen. Doch als er ihr dann, als sie den Mantel schloß, ihre langen Haare aus dem Kragen des Mantels zog und auf ihre Schultern legte, war sie stocksteif geworden. Zu intim erschien ihr die Berührung. Hatte er es bemerkt?
Was nahm er sich heraus?
Er sah sie an, solange, dass sie begann, an dem Kragen ihres Mantels herumzuzupfen, weil sie seinem Blick nicht ausweichen wollte. Dann sagte er: „Nun, wir werden wohl nach Hause gehen. Wenn Du zur U-Bahn-Station mußt, können wir noch ein Stück gemeinsam gehen, mein Auto steht auch in der Gegend.“
Sie meinte sich verhört zu haben. Schlug er ihr wirklich vor, einfach nach Hause zu gehen? Getrennt selbstverständlich?
„Gut, gehen wir“, sagte sie und wandte sich – vielleicht eine Spur zu hastig – in die Richtung zur U-Bahn-Station. Er folgte ihr.
Ihr Ärger begann sich zu vergrößern. Hatte er ihr wirklich ernsthaft vorgeschlagen, den Abend einfach so zu beenden? Nach all dem, was er ihr nonverbal mitgeteilt hatte?
Sie gingen nebeneinander, schweigend.
Warum hatte er nicht vorgeschlagen, dass sie noch irgendwo etwas trinken gehen könnten. Oder vielleicht tanzen?
Ihre Schritte halten auf dem Kopfsteinpflaster.
Nicht, dass sie zugestimmt hätte. Sie wollte ja nach hause. Aber sie hätte sich doch einen solchen Vorschlag erwartet. War ihre Wirkung auf ihn nicht nachhaltig genug gewesen. Sollte sie sich getäuscht haben?
Sie war nun zornig, auf sich, auf ihn. Er bekam von all dem nichts mit.
Was hatte er sich erwartet? War er enttäuscht? Aber warum dann sein eindeutiges Verhalten?
Die Gasse war eng, und ausgerechnet hier kam ihnen eine Gruppe leicht angeheiterter Touristen entgegen. Sie wichen in eine Nische bei einem Hauseingang aus, warteten bis der Trupp vorbei war, einander nicht ansehend.
Warum sieht er mich nicht an? fragte sie sich. Vorher hat er das doch auch getan! Was hat sich geändert?
Als die grölenden Jugendlichen vorbei waren und er wieder auf die Gasse treten wollte, hielt sie ihn am Ärmel seines Mantels fest. Er schaute sie einen Moment lang überrascht an, dann zog sie ihn zurück in die Nische, drängte ihn, der nach hinten stolperte, zwischen sich und das Haustor und küßte ihn. Nein, eigentlich presste sie ihre Lippen auf die seinen, relativ hart, grob fast, denn es dauerte eine Ewigkeit von vielleicht 10 Sekunden, bis er reagierte. Aber nur, in dem sein angespannter Mund weich wurde. Doch noch immer war sie es, die ihn küßte, zornig, wütend auf sich, dass sie so was machte und wütend auf ihn, dass er .. dass er… einfach nicht reagierte?
Fast wartete sie, dass sie darauf, dass seine Arme sich heben würden und er sie von sich schob.
Und er ließ sie warten.
Dann öffnete er seine Lippen und seine Arme packten ihre Schultern und zogen sie an sich.
Sie mochte ihn noch immer nicht. Sie war noch immer zornig, gekränkt Und aus dieser eigenartigen Mischung heraus, gierig. Sie hörte nicht auf, ihn zu küssen. Denn wenn sie ihren Mund von dem seinen lösen würde, das wußte sie, würde sie nicht wissen, was sie sagen sollte, was sie weiter tun sollte. Weil sie nicht mal genau wußte, warum sie ihn zu küssen begonnen hatte.
Als wollte sie vermeiden, dass er aufhörte, zog sie seine Hand von ihrer Schulter unter ihren Mantel, legte sie auf ihre Taille und schob ihren Arm unter seine Jacke, sich an ihn pressend.
Erst als sie ihre Hand über seinen Rücken gleiten ließ, begann auch die seine zu wandern, zog sie näher zu seinem Körper. Der Druck erregte sie und machte sie noch wütender. Sie begriff nicht, warum sie tat, was sie tat. Und warum sie diejenige war, die damit hatte beginnen müssen. In ihrer Wut krallte ihre Fingernägel in seinen Rückenmuskeln, spannte ihren Köper in seinem fester werdenden Griff. „Lass mich gefälligst los!“ dache sie, und machte selbst das Gegenteil.
Minuten (?) später: ein Räuspern hinter ihrem Rücken, leise zuerst, dann etwas lauter. Er löste zuerst seiner Hände Griff an ihr, seine Umarmung ihrer Hüfte, dann die Lippen von einander.
Sie mußte nicht hinsehen. Hinter ihr stand ein Mann, der offenbar in das Haus wollte, dessen Eingang sie gerade blockierten.
Plötzlich vollkommen erschlafft und jenseits jeder Wut, ließ sie die Arme sinken und trat einen Schritt zur Seite, weg von ihm.
Sie vermied es, ihn anzusehen und trat aus dem Hauseingang vor auf den Gehsteig. Er folgte ihr. Kühl war es jetzt, sie schloß ihren Mantel während des Gehens.
Keine zwei Minuten später waren sie an der U-Bahnstation.
Sie küßten einander auf die Wange. „Wir telefonieren,“ sagte sie.
„Ja, machen wir“, antwortete er. Sie wußten beide, dass das nicht passieren würde.
Sie sah sich nicht noch mal um, als sie die Station betrat. Sie hätte auch nur seinen Rücken gesehen, während er zu seinem parkenden Auto ging.
Als sie die Rolltreppe hinunter fuhr, lachte sie.
(NICHT nach einer wahren Begebenheit.)
Sie hatte den ganzen Abend lang nachgedacht, was ihr an ihm nicht gefiel, es aber nicht wirklich zu benennen vermocht, was leisen, unterschwelligen Ärger in ihr entstehen ließ, natürlich über sich selbst, weil sie zumindest von sich selbst Klarheit erwartete.
Im Grunde wirkte er attraktiv, nicht so sehr optisch, aber darauf kam es ihr – mit Ausnahmen – nicht an. Er war etwas jünger als sie, seine Sprechweise war dialektfrei, sein Humor ausreichend schwarz durchzogen, sein Intellekt ansprechend. Und doch… Im Grunde hatte sie den ganzen Abend lang überlegt, wie sie das Gespräch verkürzen, das Date vorzeitig beenden konnte, aber sie war keine gute Lügnerin und da sie ja keinen greifbaren Grund benennen konnte, nicht im Stande, direkt zu sagen, dass sie eigentlich augenblicklich gehen wollte.
Diese Unfähigkeit trug dazu bei, dass sie sich noch mehr über sich ärgerte.
Sie lachte wenig an diesem Abend, aber da ihm der Vergleich fehlte, fiel es ihm nicht auf.
Ganz im Gegenteil – sie hatte den Eindruck, dass er durchaus Gefallen an ihr fand. Es war seine Art, sie anzusehen, es waren die kleinen Bemerkungen – anerkennend, auf das von ihr Gesagte eingehend –, wie oft er sie beim Vornamen nannte. Seine Art, den Körper zu straffen, die Hände auf der Tischfläche zwischen ihnen immer wieder „in ihre Hälfte wandern lassend. Sie kannte all die Verhaltensweisen, hatte sie immer wieder beobachtet, hie und da nur so zum Test bewußt und gewollt bei ihrem Gegenüber hervorgerufen. Es war so vorhersehbar. Doch diesmal hatte sie jede nonverbale „Antwort“ vermieden.
Und jetzt diese Frage von ihr. „Und was kommt als nächstes?“, als ob sie sich „etwas nächstes“ wünschen würde, denn im Grunde wollte sie nach Hause.
Er zuckte mit den Schultern und schaute in den grauen Nachthimmel, als ob er von dort eine Idee hernehmen könnte.
Und warum fragte sie ihn eigentlich? Um sich von seiner Entscheidung abhängig zu machen? Du Mann, ich Frau und daher folge ich Dir. Sein zuvorkommendes Verhalten im Lokal, als er für sie dem Kellner ihre Bestellung ansagte, die Weinauswahl übernahm, ihr schließlich in den Mantel half, hatte sie gestört, aber sie hatte es hingenommen. Doch als er ihr dann, als sie den Mantel schloß, ihre langen Haare aus dem Kragen des Mantels zog und auf ihre Schultern legte, war sie stocksteif geworden. Zu intim erschien ihr die Berührung. Hatte er es bemerkt?
Was nahm er sich heraus?
Er sah sie an, solange, dass sie begann, an dem Kragen ihres Mantels herumzuzupfen, weil sie seinem Blick nicht ausweichen wollte. Dann sagte er: „Nun, wir werden wohl nach Hause gehen. Wenn Du zur U-Bahn-Station mußt, können wir noch ein Stück gemeinsam gehen, mein Auto steht auch in der Gegend.“
Sie meinte sich verhört zu haben. Schlug er ihr wirklich vor, einfach nach Hause zu gehen? Getrennt selbstverständlich?
„Gut, gehen wir“, sagte sie und wandte sich – vielleicht eine Spur zu hastig – in die Richtung zur U-Bahn-Station. Er folgte ihr.
Ihr Ärger begann sich zu vergrößern. Hatte er ihr wirklich ernsthaft vorgeschlagen, den Abend einfach so zu beenden? Nach all dem, was er ihr nonverbal mitgeteilt hatte?
Sie gingen nebeneinander, schweigend.
Warum hatte er nicht vorgeschlagen, dass sie noch irgendwo etwas trinken gehen könnten. Oder vielleicht tanzen?
Ihre Schritte halten auf dem Kopfsteinpflaster.
Nicht, dass sie zugestimmt hätte. Sie wollte ja nach hause. Aber sie hätte sich doch einen solchen Vorschlag erwartet. War ihre Wirkung auf ihn nicht nachhaltig genug gewesen. Sollte sie sich getäuscht haben?
Sie war nun zornig, auf sich, auf ihn. Er bekam von all dem nichts mit.
Was hatte er sich erwartet? War er enttäuscht? Aber warum dann sein eindeutiges Verhalten?
Die Gasse war eng, und ausgerechnet hier kam ihnen eine Gruppe leicht angeheiterter Touristen entgegen. Sie wichen in eine Nische bei einem Hauseingang aus, warteten bis der Trupp vorbei war, einander nicht ansehend.
Warum sieht er mich nicht an? fragte sie sich. Vorher hat er das doch auch getan! Was hat sich geändert?
Als die grölenden Jugendlichen vorbei waren und er wieder auf die Gasse treten wollte, hielt sie ihn am Ärmel seines Mantels fest. Er schaute sie einen Moment lang überrascht an, dann zog sie ihn zurück in die Nische, drängte ihn, der nach hinten stolperte, zwischen sich und das Haustor und küßte ihn. Nein, eigentlich presste sie ihre Lippen auf die seinen, relativ hart, grob fast, denn es dauerte eine Ewigkeit von vielleicht 10 Sekunden, bis er reagierte. Aber nur, in dem sein angespannter Mund weich wurde. Doch noch immer war sie es, die ihn küßte, zornig, wütend auf sich, dass sie so was machte und wütend auf ihn, dass er .. dass er… einfach nicht reagierte?
Fast wartete sie, dass sie darauf, dass seine Arme sich heben würden und er sie von sich schob.
Und er ließ sie warten.
Dann öffnete er seine Lippen und seine Arme packten ihre Schultern und zogen sie an sich.
Sie mochte ihn noch immer nicht. Sie war noch immer zornig, gekränkt Und aus dieser eigenartigen Mischung heraus, gierig. Sie hörte nicht auf, ihn zu küssen. Denn wenn sie ihren Mund von dem seinen lösen würde, das wußte sie, würde sie nicht wissen, was sie sagen sollte, was sie weiter tun sollte. Weil sie nicht mal genau wußte, warum sie ihn zu küssen begonnen hatte.
Als wollte sie vermeiden, dass er aufhörte, zog sie seine Hand von ihrer Schulter unter ihren Mantel, legte sie auf ihre Taille und schob ihren Arm unter seine Jacke, sich an ihn pressend.
Erst als sie ihre Hand über seinen Rücken gleiten ließ, begann auch die seine zu wandern, zog sie näher zu seinem Körper. Der Druck erregte sie und machte sie noch wütender. Sie begriff nicht, warum sie tat, was sie tat. Und warum sie diejenige war, die damit hatte beginnen müssen. In ihrer Wut krallte ihre Fingernägel in seinen Rückenmuskeln, spannte ihren Köper in seinem fester werdenden Griff. „Lass mich gefälligst los!“ dache sie, und machte selbst das Gegenteil.
Minuten (?) später: ein Räuspern hinter ihrem Rücken, leise zuerst, dann etwas lauter. Er löste zuerst seiner Hände Griff an ihr, seine Umarmung ihrer Hüfte, dann die Lippen von einander.
Sie mußte nicht hinsehen. Hinter ihr stand ein Mann, der offenbar in das Haus wollte, dessen Eingang sie gerade blockierten.
Plötzlich vollkommen erschlafft und jenseits jeder Wut, ließ sie die Arme sinken und trat einen Schritt zur Seite, weg von ihm.
Sie vermied es, ihn anzusehen und trat aus dem Hauseingang vor auf den Gehsteig. Er folgte ihr. Kühl war es jetzt, sie schloß ihren Mantel während des Gehens.
Keine zwei Minuten später waren sie an der U-Bahnstation.
Sie küßten einander auf die Wange. „Wir telefonieren,“ sagte sie.
„Ja, machen wir“, antwortete er. Sie wußten beide, dass das nicht passieren würde.
Sie sah sich nicht noch mal um, als sie die Station betrat. Sie hätte auch nur seinen Rücken gesehen, während er zu seinem parkenden Auto ging.
Als sie die Rolltreppe hinunter fuhr, lachte sie.
(NICHT nach einer wahren Begebenheit.)
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