Sonntag, 22. Februar 2009

m/d/ich

Lass mich niederknien,
heiss mich aufstehen,
wühle Dich in mich.
Dringe ein in mich.
Küsse mich,
koste mich,
Füge mich in Dich,
Quäle mich,
Liebkose mich.
Wirf mich nieder.
Nimm mich wieder.
Und ich gebe mich
hin an Dich.

Mittwoch, 11. Februar 2009

Auf der Friedensbrücke

Er hat ein unschätzbares Alter.

Und alles an ihm, der Bart, die wollene Haube, die Haut seines verquollenen Gesichts, die Augen darin, die Schichten von Jacken, die ihn umgeben, selbst die Decke, auf der er sitzt, haben die gleiche Farbe.
Und an trüben Tagen ist es die Farbe des Wassers im Donaukanal, das unter der Brücke hindurch fliesst.

Ich habe ihn manchmal in der Früh zu seinem Platz kommen gesehen.
Er humpelt schwerfällig, zwei Holzkrücken, der vorhandene Fuss in einem alten, aufgerissenen Lederschuhe, das andere Bein endet in einem mit Fetzen umwickelten Stumpf.

Jeden Morgen sucht er den Platz mitten auf der Brücke auf, dort wo der Fussgehweg durch das Geländer abgegrenzt ist. Dort, wo der Wind von den Hausbergen Kahlenberg und Leopolsberg herunter, durch die Metallstangen des Geländers hindurchfährt - selbst am sonnigen Tagen weht er, der Wind.

Und an Tagen wie heute frisst der Wind die Körperwärme auf, die der kalte Aspaphalt noch übrig gelassen hat.

Trotzdem hat der alte Mann seinen Platz auf der Brücke gefunden. SEINEN Platz.

Hier sehe ich ihn sitzen, seit dem ich zuerst spradisch, dann immer wieder, dann regelmässig, weil hier wohnend, die Brücke überquere.

Meist kommt er gerade in der Früh, wenn ich die Kinder zur Schule bringe.
Und am späteren Nachmittag, am Heimweg, sehe ich ihn immer noch.
Und manchmal auch noch, wenn der Abend sich schon über den Donaukanal gelegt hat.

Meistens sehe ich ihn von der Strassenbahn aus.
Manchmal, wenn ich zu Fuss nach Hause gehe, weil ich Zeit habe oder weil mir die Strassenbahn gerade davon gefahren ist, gehe ich über die Brücke und an ihm vorbei.
Und manchmal, wenn ich etwas Geld in der Tasche habe, gebe ich es ihm.
Klamm vom Wind, von der Brücke, von der Kälte, von einem Gefühl in mir drinnen, gehe ich weiter.

Einmal, ganz am Anfang, habe ich ihn gefragt, warum er denn immer mitten auf der Brücke sitze.
Aber mehr als ein "Bitte, bitte." habe ich nicht von ihm erfahren.

Bei der Gruft sagten sie mir, dass man nicht verhindern könne, dass er genau dort sitzt.

Vielleicht, sitzt er da, weil es sein Platz ist....

... auf der Friedensbrücke.

Freitag, 02. Jänner 2009

Windig

Er wachte auf, da er merkte, dass etwas anders war.
Sie war nicht da.
Die vertraute Wärme, der Körper neben sich. Sie war aufgestanden und nicht wieder gekommen. Und es war noch zu dunkel, als dass sie sich bereits für den Tagesbeginn fertig machte.
Langsam wurde er wacher, dümpelte am Rande der Aufmerksamkeit und blinzelte auf die Uhr auf seinem Nachtkästchen, 3 Uhr 41. Zu früh – für alles.
Er wartete und schaute in die Dunkelheit, rollte sich unter der Decke zusammen, wartete weiter. 3 Uhr 55, er stand auf.
Der Parkettboden war kalt und er fröstelte, nur in Shirt und Boxershorts.

Er fand sie im Wohnzimmer, am Fenster.
Das Fenster stand offen und ein kühler Wind bauschte die langen, dünnen Vorhänge. Sie hatte seinen viel zu grossen Bademantel um sich geschlungen und die Hände in die Ärmel gesteckt. Ihr Gesicht war dem bewölkten Himmel über den Häusern zugewandt.

Ob sie ihn kommen hörte?

Ein Windstoss riss den Bademantel von ihren Beinen und er sah, dass sie darunter nackt war.
Im diffusen Dämmerlicht erblickte er ihre nackten Hüften und spürte eine plötzliche Lust auf sie, aber er ahnte, dass dies der falsche Moment war.

Sicher hatte sie ihn wahrgenommen, aber er wagte es nicht, sie zu berühren.
Der Wind zerwühlte ihre Haare und liess ihn neuerlich frösteln.

Als sie zu sprechen anfing, war ihre Stimme heisser und von ungewohnt hohem Ton. „Der Wind lässt mich nicht schlafen“, sagte sie. „Er macht mich unruhig.“ Sie zog die Hände aus den Ärmeln und beugte sich weit aus dem offenen Fenster.
Wieder bauschte sich der Mantel und entblößte sie. Die Kälte liess ihn schaudern, aber ihr schien sie nichts auszumachen.
„Wenn der Sturm stärker wird, habe ich Angst, mit ihm ziehen zu wollen“, flüsterte sie und wandte sich zu ihm um. Sie stand nun mit dem Rücken zum Fenster, die Arme auf die Kante gestützt und lehnte den Oberkörper weit nach hinten ins Freie, den Rücken durchgebogen. Einen Moment sah es so aus, als wollte sie sich in den Wind, in die Nacht hinaus fallen lassen.
Der Bademantel war über ihre Schultern gerutscht, ihr Körper war fast nackt. Die Brüste spannten sich in der Kühle der hereinströmenden Luft.

Er konnte nicht anders. Er konnte ihr nicht dabei zusehen.
Vorsichtig hob er sie hoch, trug sie zurück ins Bett, legte sie sanft auf die Laken.
Dann nahm er sie ohne ein Wort zu sagen, ohne sie oder sich ganz zu entkleiden, bedeckte ihre Gesicht, ihren Hals, ihre Schultern mit Küssen, während ihre Arme ihn fest umfingen.
Es dauerte nur ein paar Minuten und als es vorbei war, fragte er sich, ob dies nicht Teil eines Traumes war.
Seine letzte Empfindung, bevor er wieder einschlief, waren ihre Tränen auf seiner Hand, als er ihr die Haare aus dem Gesicht strich.

Mittwoch, 24. Dezember 2008

Sansibar





Eigentlich wollte Anton eine Pferdeleberkässemmel.
Und dass schon seit heute morgen, als Frau Vudernicz durch die Abteilung gegangen war und jedem nicht nur ihr „Frohe Weihnachten, tut´s schön feiern!“ sondern auch die volle Keksschachtel „zur freien Entnahme“ aufgedrängt hat.
Anton mochte keine Vanillekipferl, keine Linzeraugen, keine Rumkugeln, keine Hausfreunde. (Wie in aller Welt konnte man rechteckiges, staubtrockenes, fades Backwerk so anzüglich benennen?)
Nein, Anton korrigierte sich, eher er zu einem winzigen Mürbteigkeks griff, damit Frau Vudernicz wieder entschwinden konnte, eigentlich mochte er Kekse, aber nicht um diese Jahreszeit. (Das Mürbteigkeks schmeckte übrigens so, wie Frau Vudernicz roch und Anton dachte den halben Tag lang an Frau Vuderniczs mit pinkfarbenen Kunstnägeln versehene Finger, die sich in blassgelben, talgigen Keksteig verkrallten.)
Da hatte er zum ersten Mal den Drang nach einer Pferdeleberkässemmel.

Am frühen Nachmittag, als sich abzeichnete, dass nicht mehr viel zu tun sein würde, kam sein Chef zu ihm, schaute jovial wie immer, und meinte, er, Anton solle doch die angesammelten Überstunden etwas abbauen und heute zeitiger Schluss machen. Die restlichen Leute würden den Betrieb schon aufrecht erhalten, und in Zeiten wie diesen wäre das ja eine gute Übung, denn wer weiß, was das nächste Jahr bringen würde. Und übrigens: Frohe Weihnachten!

Anton beendete den einen Akt, an dem er gerade gearbeitet hatte, fuhr den Computer herrunter und nahm seinen Mantel aus dem Kasten. Kurz sah er sich in seinem Büro um, das so ruhig war, seit seine Kollegin, Frau Merkatz, die immer so viel gelacht hatte, gekündigt hatte.
Der versprochene Nachfolger hatte sich noch immer nicht gefunden, sodass Anton in noch mehr Schweigen als sonst verfallen war.

Er überlegte kurz, ob er noch eine Runde durch die Abteilung machen sollte, um sich von allen zu verabschieden, denn einige, die mit Kindern, hatten sich die Tage zwischen Weihnachten und Jahreswechsel frei genommen, aber er ließ es dann doch bleiben.

Klick machte der Kartenleser der Stechuhr. Und Anton lächelte unwillkürlich, als ihm einfiel, wie es wohl wäre, wenn anstatt „Klick“ ein Weihnachtslied erklingen würde.
In den USA gab es das sicher, und in China gab es sicher irgendwo eine Fabrik am Rande einer Stadt mit vielen I´s im Namen, die keiner im Westen kannte, wo geklont aussehende Mädchen mit Kleinkinderhänden so eine Stechuhr mit Weihnachtsliedgesang zusammenbauten. Und nie hatte eine von denen gefragt, was „Kling Glöckchen“ überhaupt heißt.

Erst jetzt fiel Anton ein, dass er vergessen hatte, die Krawatte abzunehmen, als er sich den Schal umgebunden hatte. Aber eigentlich war er ja noch in der Dienstzeit. Aber eigentlich auch nicht, und so nahm er sie ab, rollte sie zusammen, steckte sie in die Tasche und stand unschlüssig vor dem Bürogebäude, aus dem er gerade gekommen war.

Dann merkte er wieder, dass er eine Pferdeleberkässemmel wollte.

Die Strassenbahn bimmelte, als sie in die Station einfuhr. Ob es Strassenbahnglocken mit „Jingle Bells“ gab? In den USA sicher. Aber gab es dort eigentlich Strassenbahnen?

Er setzte sich ganz hinten auf seinen Stammplatz, einem Einersitz, damit ja niemand neben ihm saß. Anton mochte es nicht, wenn jemand neben ihm in der Strassenbahn saß, zumindest wenn er denjenigen nicht kannte. Und selbst dann. Er wollte soviel Nähe nicht. Anton hatte dann stets so diffuse Gedanken von Molekülen, die von einem Körper zum anderen wanderten, sodass er dann, wenn er endlich aussteigen würde, nicht mehr derselbe war, als der Anton, der eingestiegen war.

Nur bei Marali war das anders gewesen.
Strassenbahnfahren mit Marali war jedes Mal anders gewesen. Und es hatte sich anders angefühlt. Hier war das Strömen der Moleküle ein Kribbeln, das sogar unter den Wintermänteln spürbar geworden ist.
Anton legte die Stirn an die Fensterscheibe und hauchte Nebelkreise auf das Glas. Strassenbahnfahren mit Marali war Vergangenheit.
Draussen trugen Menschen in Netze gehüllte Tannenbäume auf Schultern, unter den Armen, zu zweit, alleine, auf Kinderwägen gelegt. (Mit oder ohne Kind im Wagen.)
Die Bäume waren aerodynamische Zapfen. Mit Synthetikmaschen gebändigte Zweige von etwas Gewachsenem, das nun nicht mehr wachsen würde.
Was passierte eigentlich mit all den nicht verkauften Weihnachtsbäumen nach dem 24.Dezember? Was passierte mit denen mit zwei Spitzen, mit den einseitig Gewachsenen, mit denen, die nicht irgendeiner Mode oder einer EU-Norm entsprachen?
Gab es vielleicht Weihnachtsbaum-Mitleidkäufer?

Marali hatte nie Weihnachten bei ihm verbracht. Auch Anton hatte nie Weihnachten bei sich verbracht. Wenn, dann hatte Anton Weihnachten bei Belinda verbracht. Und bei Joachim, und dabei versucht, mit Joachim nicht zu streiten. Und jetzt, da Joachim nicht mehr Weihnachten mit Belinda verbrachte, verbrachte auch Anton Weihnachten nicht mehr bei Belinda. Seine Schwester war mit den Mädchen in irgendeine Therme in Ungarn gefahren, mit zwei anderen alleinerziehenden Müttern. Eine Therme, die sich auf Weihnachtsfeste für alleinerziehende Mütter spezialisiert hatte. Wahrscheinlich auch auf Ostern für alleinerziehende Mütter oder Geburtstage für alleinerziehende Mütter.
Anton stellte sich eine Therme voller Frauen wie Belinda vor, voller Kinder wie seine Nichten. Der einzige Mann war wahrscheinlich der Haustechniker und der war nie zu sehen, weil die alleinerziehenden Mütter unter sich bleiben wollten, bei ihren Massagen, ihren Aromatherapien, ihren Duftölbädern. Spielten Thermen zu Weihnachten Stille Nacht als Unterwassermusik? In den USA sicher, aber da hießen die Thermen Spa. Aus irgendeinem Grund….

Anton dachte an aus mondphasenorientiertem, linksgedreht ausgewalktem Teig gefertigte Bio-Kekse und lächelte. Zu spät merkte er, wie eine Frau da draussen, bei der Station, in der der Zug gerade stand, sein Lächeln erwiderte. Aber vielleicht hatte er es sich auch nur eingebildet.

Als er ausstieg, hatte er schon fast die Pferdeleberkässemmel vergessen, als er vor sich das gelbe Schild der Fastfoodkette sah.
Marali war versessen auf Hamburger gewesen. Hamburger waren für sie das Symbol für alles nördlich des Äquators. Und sie liebte alles Nördliche vom Äquator.
Das war kurz bevor sie wieder zurückkehren musste, weil ihr die Regierung ihres Heimatlandes wieder eine neue Anstellung angeboten hatte. Und Marali wusste, dass ihre helle Sommersprossenhaut dann wieder unter weiten Tüchern verborgen sein musste. Und dann war sie wieder Maria, für den Süden, und nicht mehr Marali für den Norden. Und Sansibar war weit weg

Seit Marali wieder in den Süden, nach Sansibar, geflogen war, war Anton nicht mehr bei dem Fastfoodgeschäft mit dem gelben Zeichen gewesen. Auch nicht bei einem anderen. Als er an dem Lokal vorbei ging, sah er, dass alle Mitarbeiter Weihnachtsmannmützen trugen, deren Zipfel aus blinkenden Leuchtsternen bestanden. „Last Christmas“ kam gemeinsam mit ein paar Teenagern aus der Pendeltüre heraus.

Nach Hause war geradeaus. Der Markt mit dem Pferdefleischhauer war links die Gasse runter.
Auf der Hauptstrasse hingen riesige schwärzgraue Drahtsterne, die darauf aufgefädelten Glühbirnen waren matt und tot. Hatte sich schon jemand Gedanken darüber gemacht, wie traurig Weihnachtsbeleuchtung tagsüber aussah?

Der Betrieb am Markt war der gleiche wie an Samstagvormittagen. Zumindest nahm Anton dies an. Er war nie an Samstagvormittagen hier. Er war eigentlich nur ein, zwei, vielleicht drei Mal im Jahr hier. Immer dann, wenn er eine Pferdeleberkässemmel essen wollte.

Vor dem Geschäft des Geflügelhändlers standen die Leute Schlange. Die gerupften Hühner, Gänse, Enten in der Vitrine aufgereiht daliegend waren von der gleichen Hautfarbe wie die aufgereihten Menschenleiber auf einem FKK-Gelände am Anfang der Saison. Ob die Hühner, die Gänse, die Enten jemals Sex gehabt hatten? Oder die Leute, die sie kauften?
Ob Marali jemals Sex gehabt hatte, seit sie nach Sansibar geflogen war?
Die Antwort auf Antons letzten Brief war genauso ausgeblieben, wie die auf sein letztes Mail.

Beim Obststand erklang „Leise rieselt der Schnee“ aus einem zwischen Blutorangen und Granatäpfel gelagerten Radio. Warm genug für Granatäpfel war zu wenig warm für Schneefall.

Vor dem türkischen Fleischhauer standen drei ältere Männer mit dunklen Sakkos über dunklen Pullovern und viel zu hohen Pudelhauben am Kopf und stritten miteinander. Vielleicht diskutierten sie auch über die Wirtschaftslage oder erzählten vom letzten Familienfest. Unvermittelt lachten sie und klopften einander auf die Schultern. Einer von ihnen lächelte Anton an, als dieser vorbeiging, und rief ihm etwas auf Türkisch zu. Anton lächelte zurück und hoffte, dass der Mann ihm nicht Frohe Weihnachten gewunschen hatte.

Der Inhaber der Pferdefleischerei hieß Egmont und seine Frau hiess Grace. Grace war Ende 50, bediente beim Fleisch und hatte den schmalsten Kopf und den längsten Hals, den Anton je gesehen hatte. Weshalb Grace ihren Namen trug, hatte Anton einmal zufällig erfahren, als es ihr Mann einer Kundin erzählt hatte. Seit dem tat ihm Grace leid und er fragte sich, ob es schlimm genug war, wie Grace auszusehen und Grace zu heissen oder noch schlimmer, den Namen Grace bekommen zu haben, weil ihr Vater von einer wunderschönen Schauspielerin hingerissen gewesen war.
Egmont fragte wie immer, ob er den Leberkäs fingerdick schneiden sollte. Und wenn man mitspielte und ja, fingerdick, sagte, hielt Egmont, der sich wegen seines Umfangs nur seitlich hinter der Budel bewegen konnte, seine Frankfurterwürstel-dicken Finger in die Höhe, fragte, Ihre oder meine Finger, und lachte, bis er rot anlief.
Nein, einen Zentimeter, sagte diesmal Anton und musste es wiederholen, da hinter Egmont „Ihr Kinderlein kommet“ aus einem alterschwachen Kassettenrekorder erklang.
Und zum Gleichessen, fügte er noch hinzu.
Egmont, um seinen Schmäh betrogen, schwieg beleidigt, verkniff sich aber das „Schöne Festtag´ „ nach dem Zahlen nicht.
Anton biss in die Semmel und ersparte sich die Antwort.

Kauend beschloss sich Anton für den Heimweg Zeit zu lassen, eigentlich weil er Zeit hatte, mit der er sowieso nicht gerechnet hatte und Zeit, weil niemand auf ihn wartete, niemand etwas erwartete, er niemanden erwartete. Er schlenderte über den kleinen Markt, vorbei an einem Kebabstand, einem Blumengeschäft, weiteren Obstständen, einem Gewürzladen, aus dem es nach Kardamon und Koriander roch.
Eine Zeit lang nach Maralis Abreise nach Sansibar hatte ihn der Duft von Kardamon und Koriander traurig gemacht, und er konnte nie an einem Geschäft für indische Spezialitäten vorbeigehen ohne an Marali zu denken. Jetzt fiel ihm auf, dass der nicht mehr an Marali dachte, wenn er Kardamon und Koriander roch.

Danach kam das Fischgeschäft, in dem noch regerer Betrieb als beim Geflügelhändler herrschte. Anton blieb stehen und beobachtete eine kräftige Verkäuferin, wie sie mit einer raschen Bewegung mit dem Kescher einen lebenden Karpfen aus dem Wasserbottich vor dem Geschäft herausfischte, das Tier mit geübtem Griff festhielt, noch vor dem Laden auf einen Hackblock legte und mit einem Schlag auf den Schädel tötete. Der noch zuckende Fischleib wurde mit einem langen schmalen Messer aufgeschlitzt und in einer Bewegung räumte die Verkäuferin die Innereien heraus und wischte sie in einen Plastikkübel, der zwischen ihren Beinen stand. Dann nahm sie den Fisch, mit zwei Fingern in den Kiemen verhakt, und trug ihn ins Geschäft. Anton starrte zuerst ihr nach, dann schaute er auf zu dem Kübel, aus dem es noch leicht herausdampfte, dann zu dem Bottich, in dem noch zahlreiche Fische in dem vielleicht kniehohen Wasser schwammen.
Dann starrte er wieder zu dem Kübel, wieder zurück zu dem Bottich.
„Schöne Waldviertler Karpfen haben wir da!“ sagte die Verkäuferin, die wieder aus dem Geschäft gekommen war und sich nun die blutigen Hände an der Schürze abwischte.
„Hätten´s gern einen Karpfen?“ fragte die Frau. „Wir haben aber auch Waller und Hechte!“ Anton starrte neuerlich in den Bottich. „Ich find´ja, dass Hechte die besten Speisefisch`sind,“ meinte nun die Verkäuferin.
Den Waller sah Anton nicht, der musste wohl unter den Karpfen liegen, aber er sah einen länglichen Fisch, deutlich schlanker als die Karpfen, mit schmalem, spitz zulaufendem Kopf.
Ob das der Hecht sei, fragte Anton. „Ja, und er ist ein ganz schön großer!“ Die Verkäuferin schob sich näher an Anton heran und flüsterte, als ob sie etwas Geheimnisvolles mitzuteilen hätte. „Früher waren die Hechte ja oft zu fangen, da entlang der Donau. Aber heutzutage gibt sie´s kaum mehr. Nicht grad billig ist er halt.“ Die Verkäuferin roch nach Fisch und nach Kernseife und nach Blut. Anton wich einen Schritt zurück, was die Verkäuferin betonen ließ, dass der Hecht absolut seinen Preis wert sei. Und für wie viel Personen der Herr zu kochen vor habe.
„Für eine Person, nur für eine,“ sagte Anton und sah den Hecht an.
Nachdem Anton gezahlt hatte, dauerte es noch mal so lange, die Verkäuferin davon abzuhalten, den Hecht aus dem Bottich zu holen und mit ihm zu verfahren, wie mit dem Karpfen zuvor. Und noch mal fünf Minuten, bis sie einwilligte, zu warten, bis Anton wiederkam.

Am Rand des Marktplatz bot ein Geschäft Waren aller Art an. Auch Kübel in verschiedenen Grössen. Im Geschäft sangen zwei halbwüchsige Mädchen „Rudolf the red nosed rentier“ in englischem Türkisch und sehr falsch. Sie kicherten, als Anton noch mal zurückkam, weil er seine halbgegessene Pferdeleberkässemmel an der Kasse vergessen hatte.

Die Verkäuferin vom Fischgeschäft hatte aufgehört zu fragen, und leerte wortlos zuerst Wasser in Antons Kübel und stülpte dann den Kescher mit dem zappelten Hecht hinein.
Als Anton ihr Frohe Weihnachten wünschte, schüttelte sie nur den Kopf und stapfte ins Geschäft hinein.

Anton fuhr mit der Strassenbahn. Der Fisch lag, fast zu einem Kreis gebogen, in dem halbvollen Kübel, und Anton nahm an, dass das für einen Hecht keine angenehme Haltung war.
Ein paar Kinder im Volksschulalter lachten, nachdem sie in den Kübel geschaut hatten, den Anton krampfhaft festhielt, als die Strassenbahn um eine Kurve fuhr. Ein älterer Mann meinte hilfsbereit, dass man einen Hecht nicht auswassern bräuchte und wozu der ganze Aufwand.
Anton sah ihn an, dankte ihm und wünschte ihm Frohe Weihnachten.

Beinahe hätte ihn Anton gefragt, ob Hechte Pferdeleberkäse fressen, aber dann aß er den Rest der mittlerweile kalten Semmel selbst.

Vorsichtig hob er den Kübel aus der Strassenbahn, als sie die Haltestelle bei der Donaubrücke erreicht hatten. Windig war es hier. Und kein Mensch zu sehen.
Anton trug den Kübel zum Treppelweg hinunter, der Metallhenkel schnitt ihm schon in die Handfläche. Der Fluss war graubraun, gleichförmig sich wellend, kalt, keine Spur von blauem Strome.

Anton überlegte kurz, was er nun tun sollte. Und wie man eigentlich so etwas am besten machte. Schwungvoll, dramatisch, mit weit ausholender Bewegung?
Oder lieber vorsichtig, feinfühlig, achtsam?
Verstand der Fisch es, wenn man ihm alles Gute wünschte?

Anton ging einen der Abgänge zur Wasserfläche hinunter, die jetzt im Winter ebenso glitschig wie im Sommer waren. Auf der untersten Stufe über der Wasseroberfläche stellte er den Kübel ab hockte sich daneben und kippte den Kübel vorsichtig, bis das Wasser aus dem Kübel in den Fluss rann, dann kippte er mehr und mit einer einzelnen schlagenden Bewegung glitt der Hecht aus dem Kübel in den Fluss und war im selben Moment im schlammigtrüben Wasser verschwunden.
„Schwimm bis nach Sansibar“, rief ihm Anton nach.

Den leeren Kübel nahm Anton mit nach Hause. Kübel konnte man immer brauchen. Vielleicht würde er morgen Abend eine Kerze darauf abstellen und sie anzünden.

Als er das Haustor seines Wohnhauses aufsperrte, hörte er stotternde Flötentöne „Oh Du fröhliche“ spielen. Auf dem Weg zu seiner Wohnung hinauf in den zweiten Stock summte er mit und als er nach hause kam, sang er leise.

Montag, 21. Jänner 2008

Nach der Bar, am Abend


Der Barkeeper nahm meinen Geldschein mit einem Grinsen entgegen. „ „Ich habe Frauen alleine kommen gesehen, aber nie alleine gehen sehen. Ich verstehe nicht ganz, warum Sie hierher gekommen sind.“ Das hatte er schon vor drei Stunden und drei Cocktails gefragt, und ich blieb ihm wie mir selbst die Antwort schuldig.
Ich trank den Rest meines Cuba Libre aus und schaute mich dabei wie beiläufig noch mal im Lokal um. Er sah zu mir, über die Köpfe der anderen Menschen an der Bar, über die Schulter des Typen, seines Freundes, mit dem er kurz nach mir in die Bar gekommen war, hinweg. Wenn ich nicht gerade zu ihm sah. Aber das konnte ich nur vermuten, denn immer, wenn ich mich, so zufällig wie möglich, so unauffällig wie möglich, zu ihm wandte, war sein Blick auf mich gerichtet. Trotzdem hatte er keine Anstalten gemacht, zu mir zu kommen und ich hatte es unterlassen, ihm ein Zeichen zu geben. So blieb es bei den Blicken, mit denen er mich abtastete, bei meinem Eindruck von ihm, bei den orangefarbene Sneakers, die mir aufgefallen waren, als er sich auf den Barhocker setzte.
Das hatte aber andere Männer nicht gehindert, sich mit mir auf ein kurzes Gespräch einzulassen, mir ihre Einladung auf eine Trink aufzudrängen, oder mehr. Ich genoss dieses Interesse.
Aber ich wollte nicht, wehrte ab, gab aber keinen Grund dafür an. Plauderte ein wenig, ließ mich wirken, bemerkte die Wirkung und fühle meine Reaktion darauf. Auch diese genoss ich.
Anfangs hatte ich gehofft, dass mein Mantel über die Stuhllehne neben mir, als ob ich den Sitz für einen noch erwarteten Gast, einen Mann, möglicher Weise meinen Mann freihalten könnte. Aber bald schienen die mich beobachteten Männer den Trick durchschaut zu haben. Und als ich auf Anfrage einer jungen Frau den Sitz freigab, war es offensichtlich, dass ich alleine hierher gekommen war.
Und jetzt rutschte ich vom Barhocker, nahm meinen Mantel von der Lehne, übersah nicht unbeabsichtigt das Angebot eines letzten, vergeblichen Anwärters auf meine Begleitung, mir in den Mantel zu helfen. Ich zog mich langsam an, ließ den Mantel offen, legte den Schal lose um die Schultern, kreuzte den Riemen meiner Tasche darüber, strich mir nochmals den kurzen, weichen Rock glatt.
Ich wusste, dass mich die Männer beobachteten und betonte daher jede Bewegung. Als ich mich durch die Menschen Richtung Ausgang schlängelte, und dabei mein offener Mantel zurückgeschoben wurde, fühlte ich kurz eine Hand an meinem Po, ein fester Griff. Ich sah mich nicht um.
Aus dem Lokal tretend, spülte die Welle aus Menschenwärme, alkohol- und rauchangereichertem Menschengeruch und einer Emulsion aus Musik und Stimmen noch einige Momente mit dem Zuschwingen der Lokaltüre um mich, während ich die Nacht mich empfangen liess.
Es hatte geregnet, feiner Nebel hing in der feuchtigkeitsgeschwängerten, für die Jahreszeit viel zu warmen Abendluft.
Vor mir lag der leere, übergrosse Platz, auf dem nur zwei Denkmäler, beide derb, beide übergross, aussagelos, nur durch die Metabedeutung in ihrer Existenz gerechtfertigt, sich breit machten. Gewölbte halbblinde Spiegel tarnten sich als regennasses Kopfsteinpflaster, hie und da das Licht der Strassenlampen matt reflektierend.
Mein Mantel blieb offen, meine Handschuhe ungetragen, zu warm war der Abend, zu heiss war es in mir, cocktailumflossenes Glühen, durch laue Luft nicht zu besänftigen

Die Nacht war noch nicht so weit vorangeschritten, den Platz, die anschließenden Strassen leer zu räumen, immer wieder und doch angenehm selten um Leere zu vorzutäuschen, querten Menschen das Kopfsteinpflaster, selten eilend, aber doch nicht flanierend. Um diese Uhrzeit ging man immer irgendwohin, zur U-Bahn, nach Hause, zum geparkten Wagen, zum Lokal, zum nächsten Lokal.
Auch ich musste nicht eilen, ließ aber auch kein Schlendern zu.
Die Absätze meiner hohen Stiefel schlugen dumpfe Stakkati auf den Pflastersteinen. Irgendwoher war das überdrehte Lachen mehrer Frauen zu hören.
Ich querte den Platz. Die Fenster der biedermeierlichen Bürgerhäuser blickten lichtlos auf die beiden Denkmäler. Hier wohnte niemand, der um diese Zeit Licht in den alten Räumen benötigte.
Ich war schon oft um diese Nachtzeit in der Stadt unterwegs gewesen, nie hatte ich mich geängstigt, nie hatte ich Unangenehmes erfahren. Nie hatte ich gefühlt, dass mir jemand folgte.
Nun fühlte ich es, angstlos, aber ich fühlte es.
Ich spüre es, wenn mich, in der Strassenbahn, in der Menschenschlange vor der Supermarktkasse, im Park, jemand beobachtet, auch wenn ich diesem den Rücken zuwende. Dann drehe ich mich rasch um, schneller noch, als derjenige den Blick senken, das Gesicht wegdrehen kann. Dann lächle ich mit einer gewissen Genugtuung.
Jetzt fühlte ich es auch, jemanden hinter mir, jemandes Augen an mir.
Noch war es belanglos, noch war es jemand, der zufällig hinter mir ging, nicht mir folgend, nur den gleichen Weg nehmend, anschauend, wen er vor sich sah.
Ich schaute mich nicht um.
Hier war die Stadt alt, Gotik und Biedermeier drängten aus schmalen Hausfassaden, den niedrigen Türen, den schmucklosen Fensterstöcken. Ich verliess den Platz durch den dachlosen Tunnel einer engen, ein Fuhrwerk breiten Gasse, folgte deren Biegung. Nicht einen Schritt hörte ich hinter mir, aber ich wusste, dass er folgte. Und als ich kurz stehen blieb, mir den elastischen Schaft eines meiner Stiefel hochziehend, vornüber gebeugt, den Rücken wölbend, das Gesäss nach oben streckend, hörte ich ein Atmen in der vermeintlichen Menschenleere hinter mir. Ich stellte mir vor, dass er Sneakers von kräftiger Farbe trug, Jeans dazu. Wollte ich, dass er nicht zufällig hinter mir ging?
Ich ging weiter, in der Mitte der Gasse, wie ich es als Mädchen gelernt hatte: “Meide die Torbögen, meide die Hauseinfahrten, aber auch die parkenden Autos.“ Wobei hier keine parkten, dieser Teil der Altstadt war Fussgängerzone.
Ich versuchte, leiser aufzutreten, damit ich ihn hinter mir hören konnte. War dieses Gefühl in mir Angst? Hatte ich einen Grund, Angst zu haben? Ich ging schneller, leiser, hörte vermutlich wieder sein Atmen.
Vor einem Lokal lag ein Kegel gelblichen Lichts auf der dem Pflaster. Gerade als ich das Licht über meine Füsse floss, öffnete sich die Türe der Bar, zwei Männer und eine Frau traten heraus, und ich erschrak. Plaudernd gingen sie an mir vorbei, die Männer beachteten mich nicht, aber die Frau sah mich kurz an, sie war schön. Ich roch Indisches, als sie an mir vorbei gingen, den Weg entlang, den ich gerade gekommen war.
Ich stellte mir vor, dass sie jetzt an dem vorbei gingen, den ich spürte. Klangen ihre Schritte nicht gerade so, als ob sie ihm auswichen. Schaute die Frau ihn an, wie sie mich angesehen hatte? Würde er ihr nachschauen, wie ich es nicht getan hatte.
Warum hatte ich mich nicht umgesehen? Weil ich mich sonst verraten hätte?
Als die Stimmen der drei verklangen, beschleunigte ich wieder meine Schritte.
Nach der Biegung der Gasse versperrte eine Baustelle den Weg, den ich zu gehen geplant hatte. Das Hinweisschild für die Umleitung verwies mich in die entgegen gesetzte Richtung.
Ich überlegte kurz, die Umleitung durch das Gassengewirr führte weg von der U-Bahnstation, die ich normalerweise für den Heimweg nutzte. Natürlich könnte ich umkehren, aber dann würde ich begegnen, wen ich hinter mir vermutete. Und er war noch da, dessen war ich mir sicher. Ein wenig Unsicherheit und damit Ärger kam in mir hoch. Ich befand mich in einer Situation, die ich nicht kannte, die ich aber selbst erwirkt hatte. Doch nun schien ich nicht mehr gänzlich die zu sein, der die Entscheidungen oblagen, denn mir war die Freiheit der Wahl durch jemanden genommen worden, den ich nicht sah, der mich durch seine mutmassliche Anwesenheit aber unter Druck setzte. Was würde weiter geschehen?
Ich folgte dem Umleitungsschild, querte einen kleinen Platz an der Seite einer Kirche. An der Wand eines Verschlages lehnten zwei Jugendliche, die sich leise unterhielten. Ich hätte zu ihnen gehen können, unter einem Vorwand, solange, bis die Unsicherheit mit dem, der mir folgte verschwunden war. Ich tat es nicht. Eine weitere kleine Gasse und ich begann zu frieren, verschränkte im Gehen die Arme vor der Brust, machte mich kompakt, geschützter auf die Art.
Hinter mir vernahm ich ein klatschendes Geräusch, ein Tritt in eine Wasserlache. Aber ehe ich mir noch sicher sein konnte, ob ich richtig gehört hatte, ertönte in der Ferne eine Autoalarmanlage, daraufhin das Geschrei eines Betrunkenen, bis plötzlich wieder Stille eintrat und in die Stille hinein hörte ich seine Schritte auf den Resten des winterlichen Streusplitts knirschen.
Ich wollte mich umdrehen, mich ihm stellen, ihm ins Gesicht sehen, ihn stellen.
Ich wollte zeigen, dass ich dieses Spiel nicht mitspielen mochte. Statt dessen blieb ich stehen, hörte, wie er stehen blieb, tat nichts, regungslos, löste dann die verschränkten Arme, fuhr mir mit den Händen durchs Haar, spürend, dass er mich beobachtet, von irgendwo hinter mir, während mein Atem schneller ging. Einen Moment lang war ich versucht, mich neuerlich hinab zu beugen, um die Stiefel zu richten, aber ich hielt mich zurück, sondern ging weiter, merkte dass ich mich beeilte, und verlangsamte die Schritte wieder, damit mein Verfolger meine Unsicherheit nicht bemerkte. Sofort war da wieder der Ärger, des Teils in mir, der sich dagegen wehrte, fremdbestimmt zu sein, der Unterwerfung nicht ertrug.
Ich bog in eine andere Gasse ein, sah vor mir, vielleicht in hundert Metern Entfernung sie in eine hell beleuchtete Geschäftstrasse münden, sah Passanten darauf den Schatten der Gasse, in der ich ging, kreuzen.
Ich ging unter einem Baugerüst durch, das die Sanierung einer Fassade eines der alten Häuser sicherte. Die schon spärliche Beleuchtung des schmalen Durchgangs wurde von Dunkelheit abgelöst. Es roch nach feuchtem Mauerwerk und nach Terpentin.
In diesem Moment zog etwas an dem Ärmel meines Mantels und ich erschrak so sehr, dass mein Herz pochte wie das eines geängstigten Tieres. Dann merkte ich, dass sich der Stoff meines Mantelärmels in einem Befestigungshaken des Gerüstes verhängt hatte. Ärgerlich zupfte ich an dem Wollstoff herum, bis ich mich wieder befreit hatte.
Genau diesen Augenblick meiner Unaufmerksamkeit nutzte er.
Er packte meinen linken Arm und den eben befreiten rechten und zerrte mich zurück in die Dunkelheit unter dem Gerüst. Ich schnappte nach Luft, denn vor Schreck fehlte mir die Kraft zu schreien, so plötzlich war er da gewesen. Von hinten drängte er mich auf den Eingang des renovierten Hauses zu, stieß mit einem Fusstritt das angelehnte Tor auf und für einen Moment waren das Quietschen der alten, feuchten Angel und mein Keuchen das einzige, das ich in der Dunkelheit wahrnahm.
Einen Augenblick später waren wir im Hauseingang und er drückte mich mit meiner Vorderseite gegen die Wand hinter dem Tor, zog es zu und fixierte mich mit den Armen und mit der Kraft seines Körpers, sodass ich zwischen der feuchten Mauer und seiner Brust kaum atmen konnte. Ich versuchte mich zu wehren, wollte mich von der Wand wegpressen, ihn mit Tritten zu Fall bringen. Kurz schien mir das auch zu gelingen, er ließ nach, aber nur, um mit einer Hand meine Handgelenke zu umfassen und mir die Arme über den Kopf zu ziehen, wo er sie ans Mauerwerk gedrückt festhielt. Ich gab nicht auf, stieß mein Becken nach hinten, wollte ihn wegschieben von mir, aber das schien ihn nur noch mehr anzutreiben und er verstärkte den Druck auf meinen Körper. Mit der freien Hand packte er meine Haare und zog meinen Kopf nach hinten. In diesem Moment fuhr eine Vespa draussen vorbei, wohl jemand, der sich nicht um das Fahrverbot in den engen Altstadtgassen scherte, und das Scheinwerferlicht fiel durch den Spalt des angelehnten Tores. Ich sah sein Gesicht, sah es anders als in der Bar, sah die Erregung und die Gier darin, die Lust in den großen Augen. Ich starrte ihn an, obwohl längst wieder Dunkelheit alles in schwarze Flecken aufgelöst hatte. Aber ich spürte sein Gesicht nahe, ganz nahe, die Feuchte seines heftigen heissen Atmens, die über meine schreckenskalte Haut strich. Ich fühlte den Ausdruck der Erregung, der männlichen Gier, den ich zuvor gesehen hatte, und wusste, dass jede Abwehr meinerseits eine halbherzige sein würde, und dass er das auch wusste. Trotzdem wollte ich mich losreissen, wollte mich nicht ergeben, wollte nicht kampflos die Niederlage über mich ergehen lassen. Meine Hände rissen an seinem Griff, der nur noch fester wurde, ich stieß mit dem Becken nach hinten, doch er wich geschickt aus, packte meine Haare noch fester und drehte meinen Kopf zur Seite, sodass mein Hals frei lag. Derart dargeboten biss er in die Haut meines Nacken und noch mal in die zarte Haut unter meinem Ohr. Ich schauderte wie eine Wölfin, die bestiegen, durch den Biss des Wolfes in ihrer Wut gegen ihren Willen gefügig wird. Wieder biss er zu und ein Keuchen entfuhr meiner Kehle. Ich spürte wie mir die Knie nachgaben und einen Moment lang schien es mir, als hinge ich nur mehr in der eisernen Umklammerung seiner Hand an meinen Gelenken, wie ein Gefolterter, der ohne Bodenkontakt an einem Ring an der Wand hängt, bereit für die Tortur.
Er, der mich hielt, schien dies als Zeichen meines Aufgebens zu sehen, denn er ließ meine Haare los. Den Augenblick nutzte ich um neuerlich nach hinten zu treten, wobei ich ihn halbherzig, aber des Stiefelabsatzes wegen trotzdem schmerzhaft, am Bein traf. Er gab einen kehligen Laut von sich, mehr zornig als schmerzerfüllt, und schob mit einer einzigen kraftvollen Bewegung meine Beine auseinander, sodass sie leicht gespreizt waren. Gemeinsam mit der Haltung der Arme über meinem Kopf und dem Druck seines Körpers an dem meinen, war es mir nun so gut wie unmöglich, mich zu wehren ohne das Gleichgewicht zu verlieren oder ihm noch mehr ausgeliefert zu sein. Ich wollte schreien, tat es aber nicht, denn schon biss er mich neuerlich und mich überkam wieder eine Woge heissen Schauers.
Mit der freien Hand begann er nun, meinen Mantel zur Seite zu schieben und presste seine Hüften gegen meinen nur noch durch den Rock bedeckten Hintern, denn ich trug nur Slip und Strümpfe darunter. Während er ruckartig das Becken bewegte, fand seine Hand unter das Shirt und presste meine linke Brust auf schmerzhafte Weise. Ich stöhnte kurz auf, vor Schmerz und vor mehr. Doch auf das schien er nur gewartet zu haben, denn er verstärkte das Kneten meiner Brüste noch. Ich zuckte unwillkürlich, zuerst einmal, dann mehrmals, bis er abließ und mir mit einer raschen Bewegung den Rock hochschob. Ich wollte mich wehren, aber da waren wieder seine Bisse und ich war nicht mehr im Stande mehr zu tun, als stöhnend zu atmen.
Jetzt packte er meine Pobacken, fuhr mit der Kante seiner Hand die Spalte dazwischen entlang, dem Steg des Slips folgend hinauf, zog das Höschen hoch, sodass der Stoff zwischen meinen Pobacken spannte, mich einschnitt, bis tief hinunter. Ich fühlte, wie sich der Stoff, so, nun tief in mein Fleisch gezogen, an mir nässte. Seine Hand fuhr nun hinunter, der engen Spitze nach in die Feuchtigkeit, betastete grob mit den Fingern den Zustand, um mich dann,derart entblösst, kurz mit seinem Becken freizugeben.
Einen Augenblick später fühlte ich etwas Heisses, Hartes an den Pobacken und dann nahm er mich so, den den Slips nur zur Seite gezogen, stehend, von hinten.
Ich gab einen wimmernden spitzen Schrei von mir, als ich ihn mit einem einzigen, heftigen Stoss in mich eindringen spürte. Beim zweiten Stoss, der noch tiefer ging, lief ein Schaudern durch meinen Körper. Schmerz, Lust, das Gefühl unterworfen worden zu sein, flossen ineinander und ich keuchte mit jedem Atem, mit jedem Stoss nach mehr.
Er stieß kräftig zu und mit jeder Bewegung rieb der Stoff meines Slips an meinem Fleisch, an der empflindlichsten Stelle, bis sie schmerzhaft angeschwollen war. Gleichzeitig war seine Hand überall, packte meine Brüste, meine Pobacken, legte meinen Nacken für weitere Bisse frei, glitt von vorne in den gespannten Slip hinein, um den Druck noch zu vergrössern. Sein Kopf rieb an dem meinen. Ich sog seinen heftig ausstossenen Atem in mich, roch ihn warm und erregt. Nie werde ich den Geruch vergessen. Ich werde ihn immer erkennen. Jetzt ging sein Atem rascher, verfing sich in meinem Ohr, meinem bisspeichelnassen Nacken, meinem Haar, das von seinen Fingern zerwühlt war. Ich spürte, wie sich die Hitze in mir mit der Feuchtigkeit vermengte, wie alles an mir anschwoll, atmete keuchend, spürte wie sein Atem lauter wurde, konnte nicht anders, als mein Becken ihm entgegen zu drängen, zuckend, dann bebend, heiss, feucht. Ich schrie leise, denn seine Hand verschloss meinen Mund, während er sein kehliges, knurrendes Stöhnen in mein Ohr ergoss und er sich in mich.
Wahrscheinlich war es keine Minute bis sich unser Atem beruhigte, so verharrte ich und er an mir. Meine Hände hatte er losgelassen und meine Arme waren ein Polster gegen die Wand, meinen Kopf darauf gebettet, den seinen an meinen gelehnt.
Sekunden, wahrscheinlich, später, eine Ahnung der Berührung meiner Wange durch seine Finger, seinen Mund? – Ich wusste es nicht, dann löste er sich von mir, machte zwei drei, rasche Bewegungen und schlüpfte durch die Türe nach draussen in die Gasse – noch ehe ich im Stande war, mich zu ihm umzuwenden.

Ich blieb an der Mauer lehnen, minutenlang, gab ihm einen Vorsprung. Dann fühlte ich die Nässe an meinen Beinen hinunter rinnen und in den Strümpfen versickern und plötzlich war es kühl und Müdigkeit überschwemmte mich.
Den feuchten Slip zupfte ich zurecht und strich den Rock glatt, wie schon einmal an diesem Abend. Dann schloss ich den Mantel, gürtete ihn, zog den Schal enger um mich und schlüpfte in die Handschuhe.
Die Gasse war leer wie zuvor, als ich sie wieder betrat, und niemandes Atem war hinter mir zu vernehmen.
Schaudernd vor Kälte eilte ich auf die hell erleuchtete Strasse zu, die ich zuvor schon hatte erreichen wollen. Keine zehn Minuten später sass ich in der U-Bahn, lehnte meine Stirn gegen die kalte Glasscheibe des Fensters, starrte in die Schemen der vorbeiziehenden Wand des U-Bahntunnels und versuchte das Zittern meiner Beine und die nach Schlaf gierende Erschöpfung meines Körpers zu unterdrücken. Der Weg von der Station bis nach Hause kam mir wie eine Ewigkeit vor und als ich die Wohnungstüre aufzuschliessen versuchte, brauchte ich beide Hände um den Schlüssel ins Schloss zu stecken.
Erst als ich beim Türöffnen im Licht des Stiegenhauses die orangefarbene Sneakers vor der Garderobe stehen sah, beruhigte ich mich. Die Wohnung war still, dunkel. Ich brauchte kein Licht um mich zu entkleiden, warf den Mantel, den Schal über einen Haken, liess meine Handtasche auf den Boden fallen. Rock, Strümpfe, Unterwäsche bildeten ein achtlos hingeschmissenes Bündel neben den Stiefeln. Lautlos ging ich ins Schlafzimmer, wo mein Mann schon schlief. Ohne ein Geräusch schlüpfte ich zu ihm unter die Decke, die Wärme seines Körpers umfing mich. Mit einem leisen Grunzen drehte er sich zu mir, schmiegte sich in gewohnter – geliebter – Weise an mich, Brust an Rücken, Bauch an meinen Hintern, meine nackten Brüste mit den kräftigen Händen umfangend. Sein warmer Atem strich in mein Haar, über mein Ohr, meine Wange. Sein Geruch umfing mich, ich werde ihn immer erkennen.

An den König meines Reiches

Die Sonne juckt den Morgen und jagt ihn über die Stadt.

die Luft ist lau wie der Atem eines Kindes.

Starres knackt in der unangebrachten Wärme.

Unruhig wie erhitzte Atome kräuselt es in mir.



Meine Haut ist angeschaudert, nicht kältebedingt.

Wölbungen und Kuhlen wollen ertastet werden.

Ich mag meinen Körper der unerbittlichen Milde darbieten.

Von Dir mag ich berührt werden, durchdrungen.

Dienstag, 20. November 2007

A &T

A contacts T
T answers A
T contacts A
A answers T

A meets T
T meets A
A is involved with T
T get´s involved with A

A thinks
about T
T dreams
about A.

A tells T
T offers A
A and T
agree

A meets T
T meets A
again.

A with T
T with A
once more
and again…
and again….

A and T
coming together